Ich stehe im Supermarkt an der Kasse und meine 4-jährige weint, weil sie heute kein Auto und kein Schleich-Tier bekommt. Ich begleite sie geduldig in ihrer Enttäuschung und bin stolz auf meinen erfolgreichen Eltern-Moment.
Doch als wir im strömenden Regen am Auto stehen und sie sich nicht auf ihren Sitz setzen will, weil da im Fußraum noch das wichtige Steinchen aus der Kita letzte Woche liegt, pöbel ich sie an, dass sie sich “verdammt nochmal” endlich hinsetzen soll, während sie auch von meiner 8-jährigen im gleichen Ton angeschrien wird, ob sie zu dumm sei, sich auf ihren Hintern zu setzen… Ich seufze und fühle mich wie eine Versagerin.
In diesem Moment denke ich wieder darüber nach, ob ich das Einkaufen nicht an meinen Mann abgeben sollte. Das würde für ihn aber wieder mehr Stress bedeuten und er würde es an dem Abend machen, an dem ich sonst zum Schwimmen könnte. An dieser Stelle habe ich gar keine Lust, weiter zu denken.
Ich denke stattdessen daran, dass er morgen auch die Kinder zur KiTa und Schule bringen muss, weil ich einen frühen Termin auf der Arbeit habe, aber die Kleine lässt sich derzeit so schwer abgeben. Ich fühle mich zerrissen.
Ich will eine gute Mama sein, aber verliere manchmal die Geduld.
Ich will abgeben können, aber niemanden zur Last fallen.
Ich will meinen Job gut machen, aber auch meiner Familie völlig gerecht werden.
Kennst du das so oder so ähnlich? Dann heiße ich dich herzlich Willkommen im Club der ambitionierten Ambivalenten!
Eine Frage: Warum fühlt sich das mit der Vereinbarkeit eigentlich nach Dauerscheitern an?

Ich habe mich auf die Suche nach Antworten begeben und möchte ein paar Erkenntnisse und Gedanken dazu mit dir teilen. Im Anschluss erhältst du noch zwei konkrete Impulse zur praktischen Anwendung und drei Kompassmoment-Fragen, falls du tiefer gehen möchtest.
Rollenkonflikte in der Vereinbarkeit
Dieses Gefühl von Widerspruch ist kein persönliches Problem.
Es ist ein ganz normaler Teil der Herausforderung rund um die Vereinbarkeit von verschiedenen Rollen in unserem Leben. Es hat also viel mit unserer psychologischen Grundstruktur zu tun.
Das Thema Rollenkonflikte in der Vereinbarkeit wurde bereits gut erforscht: Du trägst jeden Tag verschiedene Selbstbilder in dir.
Actual Self
wie du bist
Ideal Self
wie du gerne wärst
Ought Self
wie du „sein solltest“
Besonders schmerzhaft sind Widersprüche zwischen dem, wie du sein willst und wie du wirklich (manchmal) bist.
Dabei ist dieser Widerspruch keine Ausnahme, sondern Teil der psychischen Grundstruktur. Es ist nicht nur normal, sondern auch sehr wichtig für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Verstärkt wird das ganze dadurch, dass dein Ought self abhängig von deinem Gegenüber und der jeweiligen Situation ist. Wie du denkst, dass du sein solltest, ist häufig davon abhängig, ob du deinen Eltern, deinem Partnern, den KiTa Erziehern oder deinem Arbeitgeber gegenüberstehst.
Du hast in deinem Leben mehrere “Rollen”. Du bist Mutter, Mitarbeiterin, Partnerin, Freundin, Tochter… und irgendwo hoffentlich auch wir selbst.
Jede dieser Rollen stellt unterschiedliche Erwartungen an dich und oft widersprechen sich diese Erwartungen. Dadurch entstehen Rollenkonflikte.
Dieses Gefühl, zu versagen und nicht allen Rollen gerecht zu werden, ist also bereits strukturell eingebaut und nicht deine persönliche Schuld.
Zwischenfazit: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheitert nicht an dir, sondern an widersprüchlichen Anforderungen, die strukturell in unserem Alltag verankert sind.
Warum fühlt es sich aber trotzdem wie meine Schuld an?

Wir sind eine der ersten Generationen (zumindest in Westdeutschland), in denen Mütter selbstverständlich arbeiten. 2024 lag die Frauenerwerbstätigkeit bei 77,4% . Damit gehören wir zu den Top 5 in der EU (die Quellenangaben findest du am Ende des Artikels).
Gleichzeitig sind viele von uns nicht mit Müttern oder Großmüttern aufgewachsen, die gearbeitet haben, denn in den 90ern lag die Quote in Westdeutschland noch bei etwa 50% und 1979 waren es laut Schätzungen nur 30-40%.
Das ist leider nicht nur deshalb so, weil Mütter gerne arbeiten und sich beruflich verwirklichen wollen. Studien zeigen, dass für viele Familien ein Zweiteinkommen nicht Luxus, sondern notwendig ist.
Wir haben also sowohl in der EU als auch in unser eigenen Biografie wenige Vorbilder und erwarten aber, dass wir genauso oder noch besser “funktionieren” wie unsere (Groß-)Mütter, obwohl unsere Anforderungen, unsere Realität, unsere Umstände ganz anders sind. Wir tun so, als ob diese gravierenden gesellschaftliche Veränderung keine Auswirkungen auf uns als einzelne Personen hätten oder haben dürfen. Deshalb fühlt es sich wie persönliches Versagen an.
Zudem stoßen Mütter oft auf wenig Verständnis: ”Es war auch früher auch schon nicht einfach….”, “Dann arbeite doch einfach weniger…“ etc.) Was den Eindruck verschärft, dass es sich um ein persönliches Versagen und kein strukturelles Problem handeln würde.
Der größte Konflikt hinter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Hinzu kommt, dass sich insbesondere die Rollenbilder von “guter Mitarbeiterin” und “guter Mutter” grundlegender als andere Rollenbilder widersprechen. In der Arbeitswelt funktionieren wir nach dem Leistungsprinzip und sollen Wert schöpfen. In unserer Familie geht es um liebevollen Umgang, ohne etwas leisten zu müssen.
Die eine Rolle belohnt Produktivität, die andere Anwesenheit. Die eine basiert auf Stellschrauben, die andere auf Beziehung. Das bedeutet: Wer versucht, beide Rollen gleichzeitig zu leben, bewegt sich täglich zwischen zwei psychologischen Systemen, die kaum unterschiedlicher sein könnten und die dennoch parallel gelebt werden wollen.
Du siehst: Es ist leicht anzunehmen, dass wir selbst das Problem wären und wir uns nur zusammenreißen oder einfach nur besser strukturieren müssten. Aber das Problem bist nicht du!
Das Problem ist strukturell, aber du kannst die Gesellschaft nicht (so schnell) verändern und du kannst wenig an den Rollen(erwartungen) ändern. Was du aber tun kannst, ist DEINE Gefühle damit und DEINE Sichtweise darauf zu ändern.
Ich möchte dir zwei Impulse aus meiner Vereinbarkeitswerkstatt anbieten, die dir helfen sollen, mit Widersprüchen umzugehen und den Rollenstress zu reduzieren.
Zwei Impulse aus der Vereinbarkeitswerkstatt
“Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und die Weisheit, das eine von anderen zu unterscheiden.”
Franz von Assisi
Impuls 1
Ändere deine Sichtweise zu Widersprüchen
Ich habe eine gute Nachricht für dich: Die Fähigkeit, Widersprüche und damit Rollenkonflikte auszuhalten, ist lernbar!
Der Fachbegriff dahinter nennt sich Paradox Mindset. Es ist die Tendenz, Gegensätze nicht als „entweder–oder“, sondern als „sowohl–als-auch“ zu verstehen. Also: Stabilität und Veränderung, Arbeit und Familie.
Das Ziel ist also nicht, ein Leben ohne Widersprüche zu schaffen, in dem alles perfekt harmonisch und im Einklang ist, sondern die Widersprüchlichkeit als Teil des Lebens zu begrüßen. Manchmal als Ausgleich, manchmal als Herausforderung.
Es ist doch großartig, dass wir alle unsere Fähigkeiten optimal nutzen können: Die einen im beruflichen Rahmen und die anderen im familiären Rahmen. Und manchmal darf sich das auch vermischen. Dort, wo wir einfühlsam mit Kollegen sind und dort, wo wir akribisch wie ein Projektmanager den Sonntag mit der Familie durchplanen, um alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen.
Wie trainierst du dein Paradox-Mindset?
Versuche erst einmal wahrzunehmen, wo du Widersprüche siehst. Spüre kurz in dich rein, welches Gefühl das bei dir auslöst. Versuche nicht direkt etwas zu ändern oder zu bewerten.
Beispiel: Du möchtest im Job gerne mehr Verantwortung übernehmen und liebst das Gefühl, gebraucht zu werden und gleichzeitig bist du so schon jeden Nachmittag k.o. und sehnst dich nach ruhigeren Tagen mit deinem Kind, an denen niemand etwas von dir will.
Nimm diese Wahrnehmungen erstmal an, ohne direkt zu denken, dass sie nicht miteinander vereinbar seien. Lass die Wahrnehmungen dann erstmal so stehen in dem Wissen, dass beide wahre und berechtigte Empfindungen sind. Sie sind beide ein Teil von dir, beide logisch, beide konsistent mit deinen Werten.
Erkenne, dass es dich nicht unbedingt glücklicher macht, einen widerspruchsfreien Zustand zu erreichen. Denn die Forschung zeigt: Menschen, die akzeptieren, dass Spannungen nicht lösbar, sondern nur navigierbar sind, erleben weniger Stress und handeln entschiedener.
Und dafür darf man manchmal vermeintliche Widersprüche auch einfach stehen lassen und annehmen, dass man nicht alles verstehen muss, solange es gut ist:
Es darf chaotisch sein
und trotzdem darfst du jetzt einfach Familienzeit verbringen oder auf dem Sofa ein Buch lesen (denn außer dich stört es sowieso meist keinen).
Du kannst ein guter Mensch sein
und du kannst Fehler machen.
Du kannst deine Familie lieben
und dir Zeit ohne deine Familie wünschen.
Wem das noch schwer fällt, kann sich an folgende Übung machen.
Übung
Gib mir was … irgendwas, das bleibt!
Finde 10 Aussagen, die für dich universell wahr und beständig sind und halte dich daran fest. Zum Beispiel:
- Ich will das Beste für mein Kind.
- Ich bin ein Familienmensch
- Ich bin ein guter Mensch
- …
Dann kann alles um dich herum widersprüchlich sein. Du findest trotzdem Halt. Bitte denke immer daran, dass Ausnahmen die Regel bestätigen und sie nicht außer Kraft setzen.
Impuls 2
Ändere dein Sichtweise auf dich selbst
Du hast jetzt also die Sichtweise auf den Widerspruch angepasst und deiner genetischen Veranlagung nach widerspruchsfreien Zuständen widersprochen.
Das war nur ein Teil des Stresses. Der andere Teil entsteht durch Selbstkritik. Du reduzierst also den Stress, indem du deine Sichtweise auf dich selbst anpasst und der Schlüsselfaktor hierfür ist das Selbstmitgefühl.
Was ist Selbstmitgefühl?
Hast du schon einmal einer Freundin dein Leid geklagt und sie hat dir gesagt: “Das ist alles deine Schuld. Du musst dich einfach nur mehr anstrengen.” Wenn ja, dann war das sicherlich kein sehr hilfreiches Gespräch. Wahrscheinlicher ist es, dass sie Mitgefühl mit dir hat, dich aufbaut und dir sagt, dass es normal ist, sich manchmal so zu fühlen. Notfalls kann ich hier auch ChatGPT als Gesprächspartner empfehlen. Wenn du so auch mit dir selbst reden kannst, dann hast du ein gutes Selbstmitgefühl.
Selbstmitgefühl stärkt deine psychische Stabilität. Wir erwarten oft viel mehr von uns selbst als andere Leute es tun und reden daher auch schlechter mit uns. Aber, wenn du gnädig mit dir selbst bist, reduziert das Scham und Selbstkritik und somit wirken Widersprüche auch weniger bedrohlich.
Studien zeigen, dass Menschen mit ausgeprägtem Selbstmitgefühl Ambivalenzen besser aushalten und flexibler agieren können.
Gleichzeitig helfen dir Widersprüche. dein Selbstmitgefühl zu trainieren.
Konkret heißt das: Du versuchst nicht länger, „die perfekte Version“ zu leben, sondern balancierst zwischen Anspruch und Realität:
Du akzeptierst
dass Geduld kein Dauerzustand ist und freust dich über die Momente, in denen du es geschafft hast, geduldig zu sein.
Du versuchst nicht
zu viele Todos in einen Tag zu packen, sondern richtest deine Tagesplanung realistischer aus.
Du nutzt Stressmomente
als Signal für Pausen, nicht als Beweis von Versagen.
Du merkst:
Wut ist nicht das Gegenteil von Liebe, sondern Teil deiner Erschöpfung.
Du siehst Pausen
nicht als Rückschritte, sondern Investitionen in Zukunftsenergie.
Hier ist eine tolle Übung für dich:
Übung
Tägliches Umdenken
Sag dir bewusst 1–2× täglich:
„Ich navigiere zwei wichtige Welten gleichzeitig. Das ist komplex – und normal.“
Allein dieses Umdenken senkt nachweislich Stress und entlastet emotional.
Wenn die innere Stimme sagt: „Du müsstest … du solltest …“, antworte bewusst (am besten laut oder schriftlich):
„Ich gebe mein Bestes in einem komplexen System. Es darf schwierig sein.“
Drei Kompassmoment Fragen
Du möchtest nicht nur auf deinen Stress reagieren, sondern aktiv an deiner Selbstwahrnehmung und deinen Rollenkonflikten arbeiten? Dann nimm dir eine halbe Stunde Zeit für deinen persönlichen Kompassmoment und schreibe dir deine Antworten zu den folgenden Fragen auf:
Was fühlt sich in deinem Leben gerade widersprüchlich an?
Wie könntest du deine Sichtweise anpassen, um mehr Gelassenheit zu finden?
Was würde du deiner besten Freundin sagen und raten, wenn sie mit Widersprüchen zu kämpfen hätte?
Mein Fazit: Vereinbarkeit ist kein persönliches Versagen
Für mich ist die Antwort auf die Frage: „Warum fühlt sich das mit der Vereinbarkeit eigentlich nach Dauerscheitern an?“ folgende:
Weil wir, aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen und der ambivalenten Rollen, zu viel von uns selbst erwarten, wenn wir versuchen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf perfekt zu erfüllen.
Wenn wir merken, dass Widersprüche nicht gleich Scheitern bedeuten und wir stattdessen mit Mitgefühl auf uns selbst schauen, dann versetzen wir uns in die Lage, produktiv mit Widersprüchen umzugehen.
Wir dürfen gleichzeitig stark und müde, liebevoll und genervt, strukturiert und chaotisch sein.
Balance finden wir genau dort, wo wir aufhören, uns zwischen zwei Welten entscheiden zu müssen und stattdessen aus beidem das Beste machen.


Quellen:
Barišić, M. & Consiglio, V. S. (2017): Women in the German labor market: The cost of being a mother. Bertelsmann Stiftung
DESTATIS (2023): Erwerbstätigkeit von Müttern und Vätern in Deutschland.
Eurostat (2024): Employment rate by sex and age – Germany.
FRED (2012): Labor force participation rate, women: Germany.
Festinger, L. (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press.
Higgins, E. T. (1987). Self-discrepancy: A theory relating self and affect. Psychological Review, 94(3), 319–340.
Merton, R. K. (1957). The role-set: Problems in sociological theory. The British Journal of Sociology, 8(2), 106–120.
Merton, R. K. (1968 [1949]). Social theory and social structure. Free Press.
Neff, K. D. (2003). The development and validation of a scale to measure self-compassion. Self and Identity, 2(3), 223–250.
Smith, W. K., & Lewis, M. W. (2011). Toward a theory of paradox: A dynamic equilibrium model of organizing. Academy of Management Review, 36(2), 381–403.
Zum Vertiefen siehe auch:
Bassi, M., Falgares, G., et al. (2023): Need for Cognitive Closure, Tolerance of Ambiguity, and Positive Mental Health. Personality and Individual Differences.
Kelley, H. H. (1967). Attribution theory in social psychology. In D. Levine (Ed.), Nebraska Symposium on Motivation (pp. 192–238). University of Nebraska Press.

